Gastbeitrag : Kaiserschnitt und Schreikindalbtraum

Meine erste Geburt dauerte 12 Stunden und endete mit einem Kaiserschnitt. Ich war fix und fertig, hatte Kindbettfieber und alles war anders als ich es mir vorgestellt hatte.
In der Schwangerschaft hatte ich mir oft ausgemalt wie ich meinen Eltern mein Kind zum ersten Mal zeige. Wie sie reagieren würden auf dieses kleine große Wunder, ihr frischgeschlüpftes Enkelkind.

Es war dann so dass ich zugenäht wurde während der Mann mit dem schreienden Baby schon mal zu meiner Familie ging. Das Nähen dauerte ewig, ich hörte mein Kind brüllen und war gleichzeitig noch im Schockzustand und ungeduldig wegen meiner Hilflosigkeit.

Zurück im Kreissaal dauerte es keine 10 Minuten bis ich mich aufgesetzt hatte. Ich war noch betäubt von der OP, spürte meinen Körper ab der Hüfte nicht. Aber ich wollte mein Kind halten, wollte die Situation im Griff haben, wollte bewundern und begrüßen.
Es ging dann alles zu schnell als dass mein umnebeltes Hirn es begreifen konnte.  Meine Mutter mahnte zum Aufbruch damit wir (mein Mann und ich) unser Kind in Ruhe begrüßen können. Der Mann verabschiedete sich gefühlte 10 Minuten später weil er arbeiten musste. Mein Baby wurde mir auf die Brust gelegt und wir wurden ins Spitalzimmer geschaukelt.

In der ersten Nacht erlaubte ich nicht dass jemand mein Baby ins Kinderbett legte. Sie lag neben mir und ich verbrachte die Nacht damit immer wieder kurz einzuschlafen, hochzuschrecken, zu stillen und sie anzusehen. War immer noch bewegungsunfähig und hatte Schmerzen, wollte so gerne mein Kind tragen und schuckeln und konnte mich noch nicht mal alleine aufsetzen. Die Schwester die sie in den Morgenstunden wickelte bat ich darum mir ihre nackten Füßchen kurz zu zeigen, denn die hatte ich noch gar nicht bewusst gesehen.

In den Tagen darauf verschob sich meine Wahrnehmung. Ich hatte ständig das Bedürfnis zu weinen. Und gleichzeitig null Privatsphäre trotz Einzelzimmer. Ständig kam jemand, Schwestern, Ätzte, Besuch, Physiotherapeuten, Putzfrauen. Ich bekam dreimal täglich Antibiotika per Infusion wegen dem Kindbettfieber, täglich Blut abgenommen, nie hatte ich Ruhe um mich auch mich und meine Tochter zu konzentrieren.
Ich hätte Zeit gebraucht um diese traumatische Geburt zu verarbeiten. Ich kam emotional nicht hinterher. War nun Mutter und geschockt und voll mit düsteren Gedanken. Ständig war ich misstrauisch und erwartete Schlimmes, die Nachricht dass meine Tochter eine schlimme Krankheit hätte zum Beispiel.

Zu dem Bedürfnis zu weinen kam die Angst das jemand bemerkt wie es mir geht. Ich entwickelte die fixe Idee dass man mir mein Kind wegnehmen würde wenn ich mich nicht absolut korrekt als Mutter verhalte.
So heulte ich heimlich in jeder einsamen Minute, um sofort strahlend zu lächeln wenn mal wieder jemand zur Türe hereinkam. Ich war eifrig bemüht eine vor Glück strahlende junge Mutter zu sein und keine Fehler zu machen. Mehrere Schwestern fragten mich beim wickeln, baden und stillen überrascht ob das wirklich mein erstes Kind sei, denn ich würde so sicher agieren und bräuchte kaum Hilfe. Das hätte mich vermutlich beruhigen sollen, aber für mich war es eine Bestätigung dafür dass ich unter Beobachtung stand und keine Fehler machen darf. Ich horchte ständig auf Schritte im Krankenhausflur, war immer wachsam und gleichzeitig todmüde und angespannt.

Als mein Mann uns abholen kam hatte er die Babysocken vergessen. Ich reagierte panisch, wickelte das Baby in meinen Schal damit niemand sieht dass es keine Söckchen anhat. Bis zum Ausgang hatte ich Angst dass uns jemand aufhält und sagt: Das Baby bleibt da!!

Zu hause fiel einerseits viel Druck von mir ab. Ich freute mich wieder in meinem eigenen Reich zu sein, ohne ständige Beobachtung, wollte auf meinem eigenen bequemen Sofa stillen und endlich mein Baby genießen.

Dann begann die Schreizeit.
Meine Tochter war ein Schreibaby. Sie brüllte ständig wenn sie wach war. Ruhig war sie nur an der Brust, wo sie zügig trank und dann weiter schrie. Ich war überfordert und bekam das Gefühl dass mein Kind mich nicht mag.
Mein Mann hatte viele Nachtdienste in dieser Zeit.  Von meiner Mutter kam die gutgemeinte Mahnung dass er auch seonen Schlaf braucht und dass ich auf ihn Rücksicht nehmen soll.
Ich verbrachte die Nächte damit mit meinem brüllenden Baby im Tragetuch Runden durch die Wohnung zu laufen. Ich schuckelte sie m Stubenwagen, trug sie im Fliegergriff, stillte und weinte und bekam häppchenweise Schlaf. Tagsüber ließ ich meinen Mann schlafen und ernährte mich von allem was man sich mit einer Hand schnell ins Gesicht stopfen kann während man stillt, trägt und versucht die Nerven zu behalten weil das Baby ständig schreit. Ich fühlte mich überfordert, unzulänglich, zu dumm um Mutter sein zu dürfen.

Der Tiefpunkt kam nach drei Monaten Dauerschreierei in einer Nacht in der ich zitternd das brüllende Kind in den Stubenwagen legte und ins Nebenzimmer ging. Ich hatte Angst meinem eigenen Kind etwas anzutun. Ich weiß nicht wie lange ich auf meinem Bett lag, im Dämmerzustand, mein Kind schreien hörte und mich als Versagerin fühlte.

Am nächsten Tag ging ich zum Kinderarzt und erzählte mit schwankender Stimme von unserer Situation. Ich hatte Glück. Der Kinderarzt ließ mich weinen, erzählte mir von Schreibabys und dass sein Sohn auch eins war. Er gab mir Globuli zum ausprobieren und sagte mir dass ich Hilfe einfordern muss und ansonsten nicht Schuld an der Situation bin. Er sagte mir ich würde Liebe und Geborgenheit ausstrahlen, und das hat mich in den folgenden Jahren noch oft innerlich wieder aufgerichtet.
Ich probierte die Globuli aus und kaufte ein Tuch zum pucken. Das Wunder geschah, damit schaffte ich es meine Tochter zum einschlafen zu bringen bevor sie sich in Rage schrie. Die Schreiphasen nahmen „nur“ noch vier bis fünf Stunden pro Tag ein, die Nächte wurden erholsamer, durch das Pucken schlief das Kind mehrere Stunden am Stück.

Trotzdem war ich zu einer nervösen, ängstlichen Person geworden. Ich traute mich nicht mit Baby irgendwo hin zu gehen, befürchtete missbilligende Blicke wenn es schreit und ich es nicht beruhigen kann. Ich zog mich zurück, sah nur noch meine Familie und war sehr einsam in dieser Zeit. Meine Freundinnen hatten alle unkomplizierte Babys und konnten mir kaum glauben wenn ich von der Schreierei erzählte. Sie gaben mir gute Ratschläge die nichts taugten und mit der Zeit hörte ich auf irgendjemanden anzurufen. Dumm und unzulänglich fühlte ich mich auch schon ohne unausgegorene Tipps.

Mein Mann hatte Mühe sich an unser erstes Kind zu gewöhnen. Rückblickend kann ich sagen dass es sechs Monate gedauert hat bis wir uns als Familie gefühlt haben. Nach acht Monaten begann ich wieder zu arbeiten und bald darauf zogen wir um. Zurück in meinem Heimatdorf, in der Nähe meiner Eltern und durch das im Job wieder gefundene Selbstbewusstsein ging es mir bald besser. Ich war im Dorf selbständiger mit meinem Baby als in der Stadt. Konnte die kurzen Wege bequem mit ihr im Buggy laufen, hatte meine Eltern in der Nähe und kam langsam raus aus dieser ständigen Niedergeschlagenheit.

Im Nachhinein wünsche ich mir oft dass ich die erste Zeit mit L. nochmal erleben dürfte, mit all dem Wissen das ich heute habe. Ich würde es so gerne besser machen.
Aber was gewesen ist ist gewesen, die Zeit lässt sich nicht zurück drehen.

 

Gastautorin Seeräuberjenny

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